Notgroschen: Wie viel brauchst du in Deutschland wirklich?
3 Monatsgehälter? 6? Oder doch mehr? Wie hoch dein Notgroschen sein sollte, hängt von deiner Lebenssituation ab — und davon, ob du ALG 1 einrechnest. Hier ist die ehrliche Antwort.
Von Sascha

Jeder Finanz-Ratgeber sagt dir: Du brauchst einen Notgroschen. Aber wie viel genau? Die Antworten reichen von „3 Monatsgehälter" bis „12 Monate Ausgaben" — und helfen dir damit ungefähr so viel wie ein Wetterbericht für ganz Europa. Hier schauen wir uns an, was in Deutschland wirklich sinnvoll ist.
Was ist ein Notgroschen?
Ein Notgroschen (auch Notfallfonds oder Emergency Fund) ist eine Geldreserve für unvorhergesehene Ausgaben oder Einkommensausfälle. Das Geld liegt auf einem separaten Tagesgeldkonto — jederzeit verfügbar, aber getrennt vom Girokonto, damit du nicht aus Versehen drangehst.
Typische Notfälle:
- Jobverlust oder Kurzarbeit
- Autoreparatur oder Waschmaschine kaputt
- Unerwartete Zahnarztrechnung
- Mietkaution bei kurzfristigem Umzug
- Selbstbehalt bei Versicherungsschäden
Der Notgroschen ist kein Investitionskapital. Er soll nicht Rendite bringen, sondern Sicherheit.
Die Faustregel: 3 bis 6 Monatsgehälter
Die bekannteste Empfehlung lautet: Lege 3 bis 6 Netto-Monatsgehälter zurück. Bei einem Nettoeinkommen von 2.800 € wären das 8.400 € bis 16.800 €.
Das ist ein brauchbarer Startpunkt, aber zu pauschal. Denn was du wirklich brauchst, hängt von deinen tatsächlichen Ausgaben ab — nicht von deinem Gehalt. Wer 3.500 € netto verdient, aber nur 2.000 € ausgibt, braucht weniger als jemand mit 2.500 € Netto und 2.300 € Fixkosten.
Besser: Rechne mit deinen monatlichen Gesamtausgaben × Anzahl Monate, die du absichern willst.
Wie viele Monate solltest du absichern?
Das hängt von deiner Situation ab:
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Berufseinsteiger, Single, wenig Fixkosten | 3 Monate |
| Angestellte/r mit stabilem Job | 3–6 Monate |
| Familie, Alleinverdiener | 6 Monate |
| Selbstständige / Freiberufler | 6–9 Monate |
| Unsichere Branche, befristeter Vertrag | 6–9 Monate |
| Immobilienbesitzer (ungeplante Reparaturen) | 6–12 Monate |
Faustregel: Je weniger planbar dein Einkommen ist, desto mehr Puffer brauchst du.
Der Deutschland-Faktor: ALG 1 einrechnen?
Hier wird es interessant. In Deutschland hast du als Angestellte/r bei Jobverlust Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 (ALG 1). Das sind:
- 60 % des letzten Nettogehalts (ohne Kinder)
- 67 % des letzten Nettogehalts (mit Kindern)
Die Bezugsdauer hängt von deinem Alter und deiner Beschäftigungszeit ab:
| Beschäftigt seit | Unter 50 | Ab 50 | Ab 55 | Ab 58 |
|---|---|---|---|---|
| 12 Monate | 6 Mon. | 6 Mon. | 6 Mon. | 6 Mon. |
| 24 Monate | 12 Mon. | 12 Mon. | 12 Mon. | 12 Mon. |
| 30 Monate | 12 Mon. | 15 Mon. | 15 Mon. | 15 Mon. |
| 36 Monate | 12 Mon. | 15 Mon. | 18 Mon. | 18 Mon. |
| 48 Monate | 12 Mon. | 15 Mon. | 18 Mon. | 24 Mon. |
Solltest du ALG 1 einrechnen? Ja — aber mit Vorsicht. ALG 1 deckt einen Teil deiner Ausgaben, aber:
- Es dauert: Zwischen Antrag und erster Zahlung können 2–4 Wochen vergehen.
- Sperrzeit: Bei Eigenkündigung oder Aufhebungsvertrag drohen bis zu 12 Wochen Sperre.
- Nicht für alle: Selbstständige, Beamte und Minijobber haben keinen Anspruch.
- Vereinfacht: Die tatsächliche Berechnung ist komplexer (Bemessungsgrundlage ist das Brutto, nicht das Netto).
Trotzdem: Wenn du seit Jahren fest angestellt bist, reduziert ALG 1 deinen tatsächlichen Notgroschen-Bedarf erheblich. Du musst dann nur die Lücke zwischen ALG 1 und deinen Ausgaben überbrücken.
Rechenbeispiel:
- Nettoeinkommen: 2.800 €
- Monatliche Ausgaben: 2.000 €
- ALG 1 (60 %): ca. 1.680 €
- Monatliche Lücke: 320 €
- Bei 6 Monaten Absicherung: 6 × 320 € = 1.920 € statt 12.000 €
Das ist ein gewaltiger Unterschied. Nutze unseren Notgroschen-Rechner, um deinen individuellen Bedarf zu berechnen.
Schritt für Schritt zum Notgroschen
1. Ausgaben ermitteln Schau dir deine Kontoauszüge der letzten 3 Monate an. Teile deine Ausgaben in Fixkosten (Miete, Versicherungen, Abos) und variable Kosten (Essen, Freizeit, Kleidung).
2. Absicherungsdauer festlegen Entscheide anhand der Tabelle oben, wie viele Monate du absichern willst.
3. ALG 1 prüfen (optional) Bist du angestellt und sozialversicherungspflichtig beschäftigt? Dann rechne den ALG-1-Anspruch ein, um deinen realen Bedarf zu ermitteln.
4. Sparziel berechnen Monatliche Ausgaben × Monate (minus ALG 1, falls zutreffend) = dein Notgroschen.
5. Tagesgeldkonto eröffnen Trenne den Notgroschen vom Girokonto. Ein Tagesgeldkonto ist ideal: Es ist jederzeit verfügbar, bringt etwas Zinsen und ist durch die Einlagensicherung geschützt.
6. Sparplan aufsetzen Überweise monatlich einen festen Betrag per Dauerauftrag aufs Tagesgeldkonto. Selbst 100 € im Monat ergeben nach 12 Monaten 1.200 €.
Wo parke ich den Notgroschen?
Die wichtigste Eigenschaft: Sofortige Verfügbarkeit. Dein Notgroschen gehört nicht in ETFs, Festgeld oder Krypto.
| Option | Verfügbarkeit | Zinsen (ca.) | Geeignet? |
|---|---|---|---|
| Tagesgeldkonto | Sofort | 2–3 % | Ja |
| Girokonto | Sofort | 0 % | Möglich, aber Disziplin nötig |
| Festgeld | Tage bis Monate | 2,5–3,5 % | Nur für den „zweiten Ring" |
| ETFs / Aktien | 1–3 Tage | Variabel | Nein — Kursrisiko |
Tipp: Einige teilen den Notgroschen auf: 1–2 Monatsausgaben auf dem Tagesgeld (schnell verfügbar), den Rest in kurzlaufendes Festgeld (etwas mehr Zinsen).
Häufige Fehler beim Notgroschen
- Zu wenig: 500 € auf dem Girokonto sind kein Notgroschen. Eine einzige Autoreparatur kann das auffressen.
- Zu viel: 50.000 € auf dem Tagesgeld bei 1.500 € Ausgaben ist Kapital, das für dich arbeiten könnte. Ab einem gewissen Punkt ist Investieren sinnvoller.
- Falsch geparkt: Der Notgroschen im ETF-Depot kann genau dann im Minus stehen, wenn du ihn brauchst.
- Nie angefangen: Der perfekte Betrag, den du nie sparst, ist weniger wert als ein kleiner Puffer, den du heute anlegst.
- Drangehen für Nicht-Notfälle: Ein neues iPhone ist kein Notfall. Definiere vorher, was als Notfall zählt.
Wie lange dauert es, den Notgroschen aufzubauen?
| Sparrate/Monat | Ziel: 5.000 € | Ziel: 10.000 € | Ziel: 15.000 € |
|---|---|---|---|
| 100 € | 50 Monate | 100 Monate | 150 Monate |
| 200 € | 25 Monate | 50 Monate | 75 Monate |
| 300 € | 17 Monate | 34 Monate | 50 Monate |
| 500 € | 10 Monate | 20 Monate | 30 Monate |
Das dauert — und das ist okay. Wichtig ist, dass du anfängst. Selbst ein kleiner Notgroschen von 1.000–2.000 € fängt die häufigsten Alltagsnotfälle ab.
Notgroschen-Rechner
Du willst deinen individuellen Bedarf berechnen? Nutze unseren Notgroschen-Rechner — mit optionaler ALG-1-Berechnung.
Fazit
Der Notgroschen ist das Fundament jeder Finanzplanung. Bevor du investierst, bevor du optimierst, bevor du an Altersvorsorge denkst: Bau dir einen Puffer auf. In Deutschland hast du mit ALG 1 ein Sicherheitsnetz, das den Bedarf deutlich senken kann — aber verlasse dich nicht blind darauf.
Meine Empfehlung: Berechne deinen Bedarf mit dem Rechner, setze dir ein realistisches Sparziel, und fang heute an. Lieber 3.000 € auf dem Tagesgeld als 0 € mit dem Plan, irgendwann 15.000 € zu sparen.